Der Ruhrpott am Vorabend des Spektakels

Am Wochenende des 9 // 10 Januar 2010 ist es nun soweit: „Die Stunde der Wahrheit naht“, sagt Fritz Pleitgen, Vorsitzender der Geschäftsführung von RUHR.2010. Gemeinsam mit dem Ruhr Museum wird am Wochenende die große Eröffnung der Kulturhauptstadt Ruhr gefeiert auf dem Weltkulturerbe Zeche Zollverein in Essen. Bis zu 100.000 besucher_innen werden erwartet, darunter so illustre Gäste wie der Präsident der Europäischen Kommission José Manuel Barroso. 1738 künstler_innen, 300 Projekte, 2500 Veranstaltungen, 500 journalist_innen sowie 500 ehrenamtliche helfer_innen sind offiziell dabei.

Seit Monaten werden Hoffnung, Mut & local heroes propagiert und über die Massenmedien auf den Volkskörper projiziert. Kritik an der Kulturhauptstadt formiert sich bislang nur mäßig. Zu undankbar – bis hin zu zynisch – scheint eine politische Auseinandersetzung mit dem kulturalisierten Spektakel und der herrschenden Stadtpolitik. Die AG K2010 ruft zu kreativen Interventionen auf!

Der Ruhrpott befindet sich im Strukturwandel und inszeniert sich als Kulturhauptstadt Europas 2010. Welche Strukturen sich wie gewandelt haben und von welcher Kultur hier die Rede ist, ist eine spannende Frage. Während die Bewerbung zur Kulturhauptstadt eine Art Mut zur Lücke hatte und außerirdisch anmutende Pilotprojekte, wie „Land for Free“ (Grund und Boden für lau) propagierte, hat das offizielle Programm das Projekt fallengelassen und will von derart subversiven Geschenken nichts mehr wissen. Was vorher land for free hieß, heißt jetzt Kreativ.Quartiere und wird ganz normal über den Immobilienmarkt an kreative selbstausbeuter_innen vermittelt: „Zehn Städte haben jeweils einen ‚Roundtable’ aus allen zuständigen Ressorts der Verwaltung und aus der lokalen Kreativwirtschaft einberufen. Hier werden gemeinschaftlich urbane Areale definiert, die sich für eine Entwicklung als „Kreativ.Quartiere“ eignen. Und: Hier werden ohne langwierige bürokratische Verzögerungen Leerstände für die Nutzung durch Künstler und Kreative zugänglich gemacht“, so heißt es. Alle nicht berücksichtigten Kulturhauptstadtsprojekte haben sich unterdessen in der Rubrik unprojekte versammelt.

Nicht erst seit Richard Florida’s (2002) „The Rise of the Creative Class“ ist Kreativität – Technologie, Talent, Toleranz – zum Produktionsfaktor avanciert. Bereits 1991 rief Amsterdam’s Bürgermeister Patijn >Keine Kultur ohne Subkultur< und legte später ein millionenschweres creative city Programm (breeding places) zur Integration und letztlich Vereinnahmung besetzter Häuser auf. Seither erweist es sich als schwierig, den wirtschaftlichen Mehrwert kreativer (kultureller) Initiativen zu quantifizieren. Auf die Frage, ob der Hype um die creative city nicht bereits vollends ausgebeutet sei, antwortete Florida kürzlich: I hope not, Bob, I hope not!

Dass politische, soziale, kulturelle, autonome Zentren – sogenannte soziokulturelle Zentren – eine tragende Rolle für die (sub)kulturelle Infrastruktur im neoliberalen Kapitalismus spielen, dürfte weitgehend unstrittig sein. In einer am 8. Dezember 2009 im Dortmunder Domicil vorgestellten Studie zur Bedeutung soziokultureller Zentren in NRW heißt es: "Mit ihren niederschwelligen Raumangeboten für Künstler/innen etc. und andere Selbstständige dieser Branche leisten soziokulturelle Zentren einen bislang zumeist wenig beachteten und auch seitens der Wirtschaftsförderung der Städte kaum angemessen 'honorierten' Beitrag zur endogenen Entwicklung der Kultur- und Kreativwirtschaft". Eine andere kürzlich veröffentlichte Studie der deutschen Bundesregierung beziffert den Sektor kultureller Produktion mit ca. 3% des Bruttosozialprodukts und macht ihn damit sogar zur zweitgrößten Branche nach der Autoindustrie.

Während also klar sein sollte, worum es bei der neuen, flexiblen, kreativen Verwertung von Humankapital in der Stadtentwicklung geht – business as usual – kann man den verantwortlichen lokalpolitiker_innen durchaus Provinzialität anlasten, die der ambitionierten Marketingkampagne zur Metropole Ruhr zuwiderläuft. Und was bedeutet das für 6 Millionen Menschen? Machen die nicht den Pott zu dem, was er ist? Werden sie die ihnen zugedachte Zuschauerrolle erfüllen, die Zeche zahlen und dann *back to work*?

Von einer breiten stadtpolitischen RECHT AUF STADT Bewegung mit 120 Initiativen, wie derzeit in Hamburg scheint der Ruhrpott zwar noch entfernt. Aber auch die kam nicht von irgendwo und ist die Konsequenz aus einer fast schon beispiellosen dt. Stadtumstrukturierung samt Preissteigerung und Verdrängung ...formerly known as gentrification. Neben *land for free* berichten unter anderem http://www.ruhrbarone.de/ kritisch über das Kulturhauptstadtspektakel und ruft die AG Kritische Kulturhauptstadt zu kreativen Interventionen auf. Die AG K2010 trifft sich zur Eröffnungsveranstaltung am 09.01. // 14.30 Uhr vor dem Kokerei Café auf der Zeche Zollverein in Essen. Darüber hinaus gab es für das Sondierungstreffen zum Euromayday in Dortmund eine Terminänderung. Der neue Termin ist am 19.01. // 19.00 Uhr im taranta babu in Dortmund. Hierzu wird in Kürze noch gesondert eingeladen werden.

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