Was passiert, wenn was passiert?

Findet Kreativität Stadt? hiess es noch vor Wochen auf diesem blog und steht es schon länger auf der Seite der Wirtschaftsförderung Dortmund. Seit dem Wochenende (13.08) und der ungefragten Neunutzung der alten Kronenbrauerei durch eine urbane Intervention der Initiative für ein Unabhängiges Zentrum in Dortmund // UZDO dürfte klar sein, dass dem nicht so ist bzw. die Auswahl sehr viel selektiver verläuft und sich kreative Menschen in Dortmund schnell kriminalisiert anstatt respektiert wiederfinden.


flickr.com/photos/uzdortmund

Laut Pressemitteilung (13.08) folgt die Initiative dem Motto der Kulturhauptstadt „Wandel durch Kultur“ zu organisieren und fordert ihr Recht auf Stadt: „Wir fordern nicht zu viel, wenn wir einen offenen Diskurs anstoßen, der die Zukunft der Stadtentwicklung zum Thema hat und die Frage ‚für wen?’ stellt … Raum ist genug da. Wir auch“, so heisst es auf dem UZDO blog. Ferner ist die Initiative über ihre Kriminalisierung und das eigenmächtige Handeln der Polizei überrascht, denn einen Räumungstitel gab es nicht schriftlich, sondern wurde lediglich telefonisch der Vorbehalt eines solchen Dokuments durch den Eigentümer angekündigt und sofort durch die Polizei vollstreckt.

Der Polizeisprecher machte im WDR Fernsehen deutlich, wessen Recht hier geltend gemacht wird. Das Recht auf Stadt für die Bewohner/inn/en dieser Stadt war es nicht. Passend zur nun entfachten Debatte um Leer- und Stillstand in der (brachliegenden) Stadtentwicklung im Ruhrpott, schreibt die Initiative UZDO in einer zweiten Pressemitteilung (16.08): „Das Haus stand mehr als 8 Jahre leer, war nicht gesichert und die Tür stand sperrangelweit offen. Es ist töricht, diese Situation mit dem Hausfriedensbruch von bewohnten Häusern und Mittelklassehaushalten gleich zu setzen“

Für den propagierten Imagewandel des Ruhrgebiets von industrieller hin zu kreativer Arbeit bedeutet die sofortige Räumung der Initiative freilich einen unmissverständlichen Rückschlag. Von einem umfassenderen Verständnis kreativer Stadtentwicklung und insbesondere der 3 T’s von Stadtplanungsprofessor und Kreativitätspapst Richard Florida – Technologie, Talent, Toleranz – kann in Dortmund keine Rede sein. Hier wird allein die am ehesten verwertbare Technologiebranche gesehen und mit städtischen Subventionen angesiedelt. Für Talente gibt es keinen Blick, von Toleranz ganz zu schweigen. Nur wer Kreativität will, muss sie ohne Wirtschaft denken: UZDO interview im 2010lab.tv.

Mit Blick auf ehemalige Indutriestädte wie Detroit und Pittsburgh (die als kongeniale Referenz für den Ruhrpott herhalten können) hält Richard Florida die Flexibilität und Toleranz des texanischen Austin entgegen:

Die Leserinnen und Leser des Salon-Magazins lässt Florida wissen: „[N]ach allen Maßstäben der Ökonomie müssten Detroit und Pittsburgh Austin haushoch schlagen. Das sind Orte, die beide zu ihrer Zeit zu den leistungsstärksten technologischen Zentren gehörten – sie waren das Silicon Valley ihrer Tage. Detroit im Automobilbau, Pittsburgh bei Stahl und Chemie. […] Was allerdings dann passierte, war, dass beide Opfer institutioneller und kultureller Verknöcherung wurden. Beide Orte blieben in der Epoche der bürokratischen Organisation stecken, sie dachten wirklich, wir lebten in einer patriarchalen, weißen, korporativen Gesellschaft und der Schlüssel zum Erfolg sei, eine Krawatte anzuziehen, von neun bis fünf zu arbeiten und sich ansonsten zu benehmen. Für Leute mit neuen Ideen gab es da keinen Platz. […] Austin [hingegen] beeilte sich wirklich. In den 1980er- und 1990er-Jahren sagte man dort: ‚Wir wollen uns ein paar von diesen Hightechfirmen schnappen‘, also tat man es. [… Dann] hieß es: ‚Wir machen die Stadt zu einem Ort, wo das Leben Spaß macht.‘ Man legte sich eine Erlebnis-Mentalität zu, während Pittsburgh und Detroit immer noch in dem Zwiespalt steckten, entweder protestantische Ethik oder Boheme, wo die Leute sagten: ‚Du kannst hier keinen Spaß haben‘, oder: ‚Was soll das heißen, du spielst in einer Rockband? Lass dir die Haare schneiden und geh arbeiten, mein Junge. Nur darauf kommt es an.‘ Nun, in Austin sagte man: ‚Aber klar doch, du bist kreativ. Du willst nachts in einer Rockband spielen und tagsüber mit Halbleitertechnik arbeiten? Na los! Und wenn du am andern Tag erst um zehn reinkommen willst und ein bisschen übernächtigt bist oder Dope rauchst, das ist cool“

Unterdessen erklärt Arnold Voss bei den Ruhrbaronen die Logik von Zwischennutzungen aus der Eigentümerperspektive und gibt eine Antwort auf die Frage: Warum Nichts passiert. Kurzfazit: Zwischennutzungen lohnen sich nicht und sind ein Risiko für Privateigentümer. Maximal politischer Druck aus der Nachbarschaft oder z.B. Quartiersmanagement kann bewirken, dass die Nutzung dem Leerstand vorgezogen wird, um den Abwärtstrend eines Viertels zu stoppen. Besetzungen seien nur da zu empfehlen „wo absehbar ist, dass der Vermieter durch den so erzeugten Handlungsdruck auf Vermietungslösungen gestoßen wird, die auch ihm einen Vorteil bieten. Es sei denn es geht um eine politische Demonstration, die auf eine eklatante Raumnot, also einen gesellschaftlichen Missstand hinweisen will. Das ist dann allerdings ein ganz anderes Thema“. Na bitte.