Archiv für Oktober 2010

der kreativwirtschaftsstreit

Das Schauspiel Dortmund und die Künstlerkollektive kainkollektiv und sputnic laden am 28. Oktober 2010 um 20 Uhr zur ersten großen Diskussion der „Stadt ohne Geld“-Reihe „Streit #1: Kreativwirtschaft“ im Harenberg City-Center (HCC) ein.


http://www.stadtohnegeld.de

„Angesichts von Strukturwandel und Abwanderung haben Politik, Stadtentwickler und Wirtschaftsförderung nicht zuletzt im Rahmen des Kulturhauptstadtjahrs Ruhr.2010 die „kreative Klasse“ entdeckt … Manche sagen, dieser Zug sei fürs Ruhrgebiet sowieso schon abgefahren. Andere werden nicht müde, das Ruhrgebiet zur „Metropole Ruhr“ zu stilisieren. Es bleibt zu fragen, was es heißt, wenn unter dem schwammigen Oberbegriff „Kreativwirtschaft“ Kunst, Kultur und soziale Einrichtungen auf wirtschaftliche Aspekte reduziert werden“ mehr infos

bleiben wir alle?

Am Mittwoch, den 13.10 hat die AG Kritische Kulturhauptstadt zu einer Art Vorab-Bilanz der Kulturhauptstadt Ruhr.2010 geladen. „Die Kulturhauptstadt geht – wir bleiben“ hieß es und wurde so die Vermarktung und die Selektivität des offiziellen Programms kritisiert und außerplanmäßige Veranstaltungen wie der Euromayday Ruhr oder die Hausbesetzungen in Essen und Dortmund besonders hervorgehoben. Unter den Anwesenden waren Vertreter/innen lokaler Initiativen, Zentren und städtischer Bewegungen, wie das AZ Mülheim, SZ Bochum, UZ Dortmund und andere. Dieser Artikel ist zuerst auf ruhrbarone erschienen.


Dortmund, 06.10.2010 (quelle: uzdo.de)

Am Anfang stand eine Diskussion um das Papier der Veranstalter/innen „Metropolenträume in der Provinz“, welche die Metropolendiskussion im Ruhrgebiet als Marketingkampagne identifiziert, die aber letztlich am Kirchturmdenken widerstreitender lokaler Fürsten scheitert. Das Potential für urbane Veränderung und emanzipatorische Formen der Aneignung dieses Ballungsraums spielen in dem Papier der AG keine ernstzunehmende Rolle.

Der Metropolbegriff ist sicherlich überladen mit außergewöhnlichen Standortfaktoren der Produktivität, Geschichte, Architektur, Tourismus, Kreativität und allerlei ästhetischen Idealen (nicht nur) europäischer Urbanität. Der Metropolbegriff krankt – nicht nur im Ruhrgebiet – vor allem an zwei Merkmalen: an der Idee universeller Konsumierbarkeit (touristisch sowie alltäglich) und an fehlendem commitment (Bekenntnis, Hingabe, Initiative) von Menschen vor Ort, den Begriff inhaltlich anders zu besetzen.

Wenn man den Metropolbegriff ganz nüchtern als Agglomeration von Menschen im Raum nimmt, trifft das für das Ruhrgebiet (5,5 Mio.) so erstmal zu. Was bei Kritiker/innen hier aber sofort mitschwingt, sind die dominanten Bilder etablierter global cities – London, Paris, Berlin – die mit herrschaftlichen Altbauten und prestigeträchtigen Neubauten aus Stahl und Glas die öffentliche Meinung und den Raum dominieren. Keinen Eintritt zahlt hier keineR mehr. Was die Kritiker/innen dabei zu vergessen scheinen, ist, dass diese Bilder von ebensolchen Marketingstrategen platziert werden, denen sie die Kulturhauptstadt Europas nicht abnehmen wollen. Der Fetisch und Konsumcharakter westlicher Stadtideale zeugt nicht nur von einem ausgeprägten Eurozentrismus, sondern läuft Gefahr, tatsächlich provinziell zu wirken. Der neue Provinzialismus bzw. die neue Engstirnigkeit besteht dann darin, dass global cities einem Schema folgen und letztlich alle Metropolen gleich aussehen. Klar ist der Ruhrpott Metropole, aber was für eine (mehr…)

stadt ohne geld

Das Schauspiel Dortmund geht neue Wege und ist auf der Suche nach neuen Kooperationen. Anlässlich der kommunalen Finanzkrise hat Schauspieldirektor Kay Voges das Projekt Stadt ohne Geld konzipiert, zwei Theaterkollektive sowie das Institut für urbane Kriseninterventionen // ifuk) engagiert. Mittwoch, den 06.10.2010 findet im Schauspiel Dortmund die zweifelhafte Auftaktveranstaltung „Economy Death Match“ statt.


stadtohnegeld.de

Kooperationsvorschläge mit anderen Städten, Häusern, Wirtschaftsberatern, Forschungsinstituten zusammen zu arbeiten, sind nicht unzeitgemäß und reichen in Dortmund von der Umwidmung von Schauspielern und Regisseuren zu Konfliktmanagern und Bewerbungstrainern bis hin zu erweiterten Service Angeboten des Theaters in der (post)modernen Dienstleistungsgesellschaft. In einem Interview mit der Dortmunder Straßenmagazin Bodo erklärt IfUK Sprecher, Marcel Briegwitz, die Kultur sei jetzt an dem Punkt „an dem sie zurückgeben kann an die Wirtschaft und an die Gesellschaft … Wir müssen raus aus der Linearität Spiel-Vorspiel-Applaus. Wir müssen den konkreten Nutzen der Gebäude und der Menschen, die darin arbeiten, feststellen“ (Briegwitz).

In Anbetracht der sogenannten Tränenliste Jörg Stüdemanns von 2009 kann sich auch Schauspielhaus Dramaturg, Alexander Kerlin, dem ökonomischen Druck nicht versperren und sagt: „Die Stadt droht als Gemeinwesen völlig zu zerfallen. Dazu können wir uns als Theater nicht passiv verhalten … Die Zeiten sind vorbei, in denen ein geschützter Ort im Herzen der Stadt selbstverständlich war, an dem über existentielle Fragen nachgedacht werden konnte – jenseits marktwirtschaftlicher Kriterien und im Sinne künstlerischer Freiheit“. Das IfUK betrachtet diesen „Wandel als Chance“ und erscheint als konsequente Antwort auf eine unternehmerische Stadt ohne Geld. Beide sind sich in einer Frage einig: Wie sieht das Theater des 21. Jahrhunderts aus? (mehr…)