Ddorf: recht auf stadt im interview teil I

Anläßlich anhaltender städtischer Bewegungen in Düsseldorf und des bevorstehenden Wem gehört die Stadt Kongresses (18-20 März 2011), kommt hier Teil I eines Interviews mit Aktivist/innen, die das Thema Recht auf Stadt für Düsseldorf in Stellung bringen.

land for free :: land for what: könnt ihr euch selbst kurz vorstellen?
Anita: Unsere Gruppe heißt I furiosi. Wir sind organisiert im Antifa KOK Düsseldorf und wir haben uns vor ungefähr anderthalb Jahren überlegt, dass wir das Recht auf Stadt, Gentrifizierung & Co, als Gruppenthema nehmen möchten und dazu arbeiten wollen.


freiräume für bewegung // ddorf

land for what: Kannst du das genauer sagen? Wann ging das los?
Ani: Die Pressekonferenz war noch im Dezember 2009. Die Auftaktkundgebung im Februar 2010 war die erste große Aktion. Das war eine Bemalung von einer Unterführung, wo wir versucht haben mit einer ersten großen Aktion erst einmal Öffentlichkeit zu bekommen und wo wir versucht haben, quasi etwas Illegales zu machen und das trotzdem so zu verkaufen, dass es für niemanden ein Problem ist, weil es irgendwie alle angeht und alle damit einverstanden sind, dass diese Unterführung auch wirklich gestaltet werden soll.

Thorsten: Ja, das lag an dem Konflikt, dass diese Unterführungen, also das ist eine Bahnunterführung und die Stadt hat immer gesagt, da das eine Bahnunterführung ist, ist die Deutsche Bahn AG dafür zuständig und die Bahn hat immer gesagt “nee nee, das ist ja unter den Gleisen, dafür ist die Stadt Düsseldorf verantwortlich”. Das war dann ganz gut dieses Recht auf Stadt – Ding anzusprechen, dass wir sagen konnten: uns ist egal, ob das jetzt die Deutsche Bahn ist oder die Stadt Düsseldorf, sondern das ist unsere Stadt und wir gestalten die jetzt einfach selbst.

Anita: Und das hat super gepasst. Es waren so 100 – 200 Leute da bei der ersten Aktion – es war viel Presse da. Das war einfach super. Du hast gemerkt die Leute finden das gut, die interessiert das. Irgendwie ist ein Interesse da an dem Thema und die Treffen nach dieser Aktion waren auch immer super gut besucht. Da waren immer 50 Leute oder so auf diesen Treffen.

land for what: Und Freiräume für Bewegung: Wie war da der Ansatz?
Ani: Das fing damit an, dass sich die Brause und Leute aus dem Linken Zentrum zusammengesetzt haben. Konkret gab es einen Anruf des Ordnungsamtes. Die haben versucht, der Brause die Ausschankgenehmigung zu entziehen und das Linke Zentrum dicht zu machen wegen Lärmproblemen. Das lief so ein bisschen parallel in Düsseldorf, dass so ganz viele linke Zentren bedroht wurden – wegen NachbarInnenklagen, Schankgenehmigung. Es gab auch einen Vorwurf … das haben, glaube ich, auch schon alle linken Läden in Düsseldorf gehabt, dass sie den Vorwurf bekommen gegen das – wie heißt das? Konkurrenzrecht oder so‘n Schwachsinn – zu verstoßen, weil sie ja mit ihren Preisen günstiger sind als in den normalen Kneipen.

Anita: Daraus ist für uns die Idee entstanden so ein Recht auf Stadt – Ding zu machen, was halt nicht nur dieses Freiraum- und Kulturthema hat, sondern was eigentlich auch viel tiefer gehend Politik machen will, was sich eher auf linksradikale Politik konzentriert. Recht auf Stadt hat als Slogan dafür genutzt, um eben ein bisschen wegzukommen von so Kulturräumen. Und dann gab’s ja quasi relativ regelmäßig Aktionen vom Freiraum-Bündnis aus, also ein Jahr lang. Einmal im Monat gab es eine Aktion. Eine war diese “Pinke Bänke”-Aktion, wo wir an allen Orten, wo wir finden, dass etwas falsch läuft, so eine pinke Bank hingestellt haben mit einer Aufforderung und einem Zettel, warum eigentlich da eine Bank steht und mit so Aufforderungen wie “Erobert Euch den Platz zurück!”.

land for what: Und zum Stichwort kulturpolitische Verordnung – was ist das für eine Initiative? Welche Bündnispartner habt ihr, die in das Soziale reingehen?
Anita: Das war immer ein Anliegen von unserer Gruppe, die gesagt hat “unser Fokus liegt nicht auf dieser ganzen Kulturpolitik, sondern wir begreifen uns primär als eine linksradikale Gruppe”. Es gab viele Leute z.B. aus der “Wir zahlen nicht für eure Krise” – Gruppe, aber wir haben es tatsächlich nicht so gut geschafft, sie auch einzubinden, das muss man schon so sagen.

Thorsten: Ja, bei der Banken-Aktion war das alles auch Thema. Wir haben eine Bank verschenkt an die Altstadtarmenküche – das ist halt so eine Obdachlosenspeisung. Eine Bank ging an das Stay, das ist eine Organisation, die umsonst ärztliche Betreuung für Flüchtlinge anbietet.

Anita: Wir haben schon immer versucht, diese Komponente in das Bündnis reinzutragen und das zu politisieren. Es war dann auch unsere Gruppe, die gesagt hat: “Hey, da gibt es auch noch abseits von Kulturpolitik andere Sachen, die da in dieses Stadtthema reinfallen und wir möchten die verknüpfen: das gehört zusammen”.

land for what: Also ist das keine reine Szenemobilisierung vom Anspruch her? Soll es so weitergehen?
Anita: Ich würd sogar sagen, dass das Freiraum-Bündnis gar nicht so sehr eine Szeneveranstaltung ist. Aus dem linksradikalen, klassischen Zentrumsumfeld ist es eigentlich relativ wenig Beteiligung. Es gibt viel, viel mehr KünstlerInnen aus der Akademie, die sich gerade dafür interessieren oder mitmachen oder MusikerInnen und so Leute. Es ist gar nicht mal so das linke Szeneumfeld.

Thorsten: Ich glaube, die würden das selber so nicht sagen, aber bei den Künstlern ist auch ganz klar eine soziale Komponente drin. Die gestehen sich das zwar teilweise gar nicht selber ein. Das hatten wir mehrmals in Fragerunden “wird Wohnraum benötigt?”, wo das gar nicht Thema war, aber wo wir dann noch einmal nachfragen. Denn das kann ja nicht sein, dass die zufrieden sind mit ihrer Miete, wo dann aber klar geworden ist, die sind prekär beschäftigt, haben drei Nebenjobs, machen nebenbei noch ihre Kunst und suchen alle Atelierräume und kommen mit den Mietpreisen in Düsseldorf gar nicht zurecht. Und das Freiraum-Bündnis war, glaub ich, so das erste Mal, dass die das überhaupt gemacht haben.

land for what: Jetzt habt ihr schon gesagt, dass die Treffen relativ gut besucht waren. Geht es weiter? Ist das die Perspektive?
Ani: Darüber streiten wir uns gerade ein bisschen. Also, ursprünglich hatten wir ja schon vor, quasi so aus der Betroffenheit heraus einen Zusammenschluss mitzuorganisieren, der konkrete Dinge fordern kann. Ich weiß nicht so genau, ob wir auf diesem aktionistischen Film noch ein wenig bleiben, was natürlich cool ist, weil wir dadurch ja natürlich auch mehr werden. Es kristallisiert sich aber auch heraus, wer dabei bleibt, wen das wirklich interessiert und wer hat einfach Bock auf eine nette Aktion.

land for what: Wie zufrieden seid ihr mit der Resonanz: einerseits in der Öffentlichkeit, andererseits in den städtischen Institutionen?
Anita: Was wir tatsächlich ganz gut geschafft haben, ist schnell eine große Öffentlichkeit zu schaffen. Ich glaube es ist immer noch so, wenn man als Freiräume für Bewegung an die Öffentlichkeit geht, dann ist das inzwischen den Meisten in Düsseldorf, vor allem der Presse und auch der Stadt ein Begriff. Die wissen, da steckt etwas dahinter. Das sind Menschen, die sich kritisch mit dem Thema Stadt auseinandersetzen. Was wir vielleicht, im Nachhinein noch versuchen müssen zu ändern, ist vielleicht die Außenwahrnehmung in der Presse. Das ist ja bei so Aktionen ganz oft die Gefahr, dass einfach nur… “Ja, da treffen sich 100 nette KünstlerInnen und die machen was Buntes”… der politische Anspruch fällt raus, das geht schnell bei solchen Aktionen.

Ani: Ich glaube das geht sogar weiter. Ich glaube das geht dahin, dass so viele von den KünstlerInnen sich gerne als total erfolgreich darstellen und ziemlich cool; was sie im Endeffekt natürlich alle nicht sind, weil sie natürlich alle total prekär beschäftigt sind und bescheuerte Jobs machen müssen, um irgendwie an Farbe zu kommen, natürlich kein Bild verkaufen und dann irgendwo mal ausstellen dürfen, aber dafür keinen Cent bekommen. Trotzdem glaube ich, hat das Ellenbogen-Prinzip sich tierisch festgesetzt und durchgesetzt auch. Das ist total problematisch daran zu rütteln. Und ich glaube nicht, dass wir daran irgendwie gerade viel verändern, sondern, ich glaube, dass Einzige, was wir schaffen können, ist so ein Vernetzungsforum zu bieten. Und das passiert, glaube ich schon, dass intern, innerhalb dieser Struktur Sachen aufgebrochen und diskutiert werden. Das ist ganz cool.

land for what: Wie war es denn zuletzt bei eurer Aktion? Wie ist das in der Nachbarschaft?
Ani: Ich glaube, dass NachbarInnen zum Beispiel bei der letzten Aktion relativ viele da waren, weil wenn man so konkret AkteurInnen benennen kann. Also, die letzte Aktion war eine Sperrmüllaktion auf einer Baustelle von einem Luxusneubauprojekt in Flingern, für das wurde vorher ein Bunker abgerissen, der dem Bund gehörte. Dazu haben wir jetzt schon länger Aktionen gemacht. Und ich glaube, sobald man so einen Akteur benennen kann, der wirklich scheiße ist, kommen total viele Leute und machen mit und finden das gut. Ich glaub, wenn das so ein bisschen mehr ist als meine Betroffenheit, meine Miete, sondern wenn man gemeinsame Feindbilder hat, dann läuft es irgendwie.

Anita: Wir haben mit der Recht auf Stadt-Gruppe Flyer verteilt. Da war es super spannend in alle Läden zu gehen. Wir sind halt auch in Büdchen gegangen, in die Eckkneipe, die natürlich betroffen sind von dem, was da gerade in diesem Viertel stattfindet und diesen Mechanismus für sich selber total klar haben, die das erklären können und sagen: „Hey, hier verschwindet der Bäcker, der hier vorher vor einem Jahr noch war. Der ist nicht mehr da, dafür gibt es jetzt die superschicke Eisdiele. Oder meine Garage, für die ich vor einem Jahr noch 50 € bezahlt habe, kostet jetzt 100 €“. Der Krimskramsladen sagt, er müsse hier raus, weil er nicht 200 € Miete mehr zahlen kann. Es ist schon so, dass die Leute, die in den Vierteln wohnen, betroffen sind und auch schnallen, dass das damit zusammenhängt, dass in diesen Stadtteil KünstlerInnen ziehen – was sie auch gar nicht schlecht finden, die finden das super, dass neue Leute hierher kommen und dass das Viertel belebt wird, aber nicht auf ihre Kosten. Das finden sie scheiße. Und die Frage ist halt: können wir das als Freiraum für Bewegung schaffen, diesen Menschen eine Plattform zu bieten und zu sagen „wir finden das auch scheiße, was hier in euren Stadtteil passiert und können da eine Vernetzung schaffen, um diese Wut, das was da passiert zusammen zu bringen, zu reagieren“ oder lässt man sie als Einzelkämpfer und die Leute resignieren und ziehen dann irgendwann weg?

Thorsten: Ich glaub, was jetzt der nächste Schritt wäre, wäre halt dass man Alternativen entwickelt. Entweder sehr konkrete Alternativen, die jetzt auch schon von der CDU-Regierung umgesetzt werden können… also in Hamburg gibt es ja jetzt auch diese Initiative „Mieten Wahnsinn Stoppen“, die eine Mietpreisdeckelung von 4 € vorgeschlagen haben, die sich ganz konkret nach den Kosten richtet. Oder auf diesem Forum flingern.net wurde das auch diskutiert und da waren auch einzelne Leute, die den Milieuschutz diskutiert haben. Ich glaube, ganz viele Leute haben diese Perspektivlosigkeit: wenn man den Wohnungsmarkt dem Markt überlässt, kann man ja nichts machen. Die Mieten steigen, das richtet sich nach Angebot und Nachfrage und so ist das halt. Ich glaube das wäre der nächste Schritt, dass man Sachen entwickelt und sagt: „Naja, das müsste nicht sein“. Der Wohnungsmarkt muss halt nicht marktgesteuert sein.

land for what: Wie kommuniziert sich so eine Botschaft?
Ani: Bei Flingern at night: Da gab es total viele Reaktionen in den Läden, die super positiv waren; wo wir echt mit offenen Armen empfangen wurden. Wir hatten Soli-Aufkleber, die man sich an die Tür kleben konnte und die klebten ständig überall. Ich glaube, das ist insgesamt der Tenor, dass alle Flugblätter immer total positiv aufgenommen werden, aber du die Leute schlecht aus der Lethargie heraus bekommst. Wenn die dann was bekommen und du ihnen etwas hinschmeißt, finden sie das super, aber es kommt wenig Eigeninitiative. Das ist nicht nur bei Recht auf Stadt das Problem, sondern das ist ja gerade in allen sozialen Bewegungen das Problem. Das liegt natürlich daran, dass die Leute mit ihrem Alltag beschäftigt sind zu kämpfen. Das ist einfach super scheiße. Das ist auch unsere privilegierte Situation, die wir gefälligst dafür zu nutzen haben, dass wir das irgendwie nach vorne treiben.

Thorsten: Rein inhaltlich sind wir den Schritt auch so konkret nicht gegangen. Wir haben kurz in 2 Sätzen angesprochen: es könnte auch anders gehen, es gibt Alternativen, es gibt eine Utopie und es gibt auch einzelne Modelle, die jetzt auch schon konkret umsetzbar wären. Aber so richtig ausformuliert, haben wir das noch nicht und das wäre, finde ich, jetzt der nächste Schritt zu sehen, wie darauf reagiert wird, also die Utopie genauer beschreibt.